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Zeitzeugenprojekt

 

Elzbieta Rodbielska kommt aus Warschau. Dort gehört sie einem Verein an, in dem Menschen, die als Kinder Auschwitz überlebten, sich zusammengefunden haben. Auf Einladung des Amtes für Religionspädagogik im Bistum Limburg ist sie gemeinsam mit anderen Zeitzeuginnen nach Hofheim am Taunus gekommen und berichtete im Rahmen des Zeitzeugenprojektes Schülerinnen und Schülern von ihren Erlebnissen.

 

Wir, das sind Fachoberschüler und -schülerinnen der Klassen 12KFO1 und 12KFO3 und zwei Lehrerinnen, Annette Blüse-Mans und Katja Pohl. Wir trafen uns im Exerzitienhaus am Kapellenberg und verteilten uns auf mehrere Räume, wo  jeweils eine Zeitzeugin eineinhalb Stunden von ihren Erfahrungen berichtete. Nach einer Pause hatten wir anschließend Gelegenheit, Fragen zu stellen und ein Gespräch mit unserer Zeitzeugin zu führen. Der polnische Vortrag wurde von einem Mitarbeiter des Zeitzeugenprojekts ins Deutsche übersetzt.

 

Frau Rodbielska begann ihren Vortrag mit Familienfotos, darunter das einzige Foto, das sie von ihrem Vater hat. Ihre Mutter war mit ihr schwanger, als sie am 4. September 1944 als sogenannter politischer Häftling nach Auschwitz kam. Zu diesem Zeitpunkt war ihr Vater bereits getötet worden. Er hatte im Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer gekämpft. Im Gespräch fragte eine Schülerin, ob ihre Mutter dem Vater keine Vorwürfe gemacht habe, dass er das Leben der Familie durch seine Beteiligung am Aufstand riskiert habe. Frau Rodbielska erklärt, das sei ein Missverständnis, alle Leute in dem betreffenden Warschauer Stadtteil seien nach der Niederschlagung des Aufstandes verhaftet und in Konzentrationslager transportiert worden, unabhängig davon, ob sie an den Kämpfen selbst beteiligt waren. Außerdem sei sie stolz auf ihren Vater, der gegen die nationalsozialistischen Besatzer gekämpft hat.

 

Ein anderes Foto zeigt ihre Mutter, eine junge Frau, mit sehr schönen langen Haaren. Als ihre Mutter nach Auschwitz kam, musste sie sich entkleiden. Ihre Haare wurden abgeschnitten, alles was sie bei sich hatte, wurde ihr abgenommen. Sie erhielt ein blauweiß gestreiftes Häftlingskleid, das im eisigen Winter kaum wärmte. Von da an wurde sie nicht mehr als Mensch behandelt und nicht mehr mit ihrem Namen angesprochen, sie erhielt die Nummer 88202. Da zu diesem Zeitpunkt sehr viele Gefangene gleichzeitig in dem Konzentrationslager ankamen, wurden den Häftlingen die Nummern nicht auf den Arm tätowiert, sondern sie mussten sie auswendig behalten und sich mit dieser Nummer melden, wenn sie von Wärtern angesprochen wurden.

 

Als Kind erzählte die Mutter Elzbieta Rodbielska nichts von Auschwitz, weil sie ihre Tochter nicht belasten wollte. Aber es habe immer wieder kleine Dinge gegeben, an denen sie die traumatischen Erfahrungen ihrer Mutter bemerken konnte. Zum Beispiel habe ihr Mutter manche Gerüche nicht ertragen können, weil sie den Leichengeruch der Krematorien von Auschwitz niemals vergessen konnte. Auch habe ihre Mutter immer sehr große Lebensmittelvorräte eingekauft, weil sie sicher sein wollte, nie mehr hungern zu müssen. Erst als sie etwas älter war, erfuhr Frau Rodbielska, was ihre Mutter genau erlebt hatte.

 

Kurz vor der Befreiung durch die sowjetische Armee wurde das Lager evakuiert. Die gefangenen Frauen wurden von den deutschen Bewachern gezwungen, zu Fuß Richtung Westen zu gehen. Da die Straßen für Militärfahrzeuge reserviert waren, liefen sie auf Feldwegen. Eine andere ebenfalls schwangere Frau, blieb stehen, weil sie erschöpft war, und wurde sofort von den Bewachern erschossen. Am Wegesrand sahen die Frauen die Toten eines vorangegangenen Gefangenentransports. Frau Rodbielskas Mutter gelang es zusammen mit einer kleinen Gruppe von Frauen, sich in der Nacht in einem Dorf zu verstecken, wo unbekannte Menschen ihnen Essen brachten. Als sie dann doch von dem deutschen Ortsvorsteher des noch besetzten Dorfes entdeckt wurden, hatte ihre Mutter noch einmal Glück. Der Ortsvorsteher wurde zum Militär berufen und konnte sie nicht mehr verraten. So erlebte ihre Mutter das Ende der deutschen Besatzung in Polen und konnte nach Warschau zurückkehren. Zwei Tage danach wurde Frau Rodbielska geboren.

 

Eine Schülerin fragte, wie es für die Zeitzeugin sei, nach Deutschland zu kommen und über die Vergangenheit zu sprechen. Frau Rodbielska sagte, es strenge sie immer wieder an, über diese schrecklichen Dinge zu sprechen, aber sie freue sich auch, junge Menschen zu treffen, sie hat selbst Enkelkinder und sie weiß, dass die junge Generation keine Schuld an der nationalsozialistischen Vergangenheit hat. Aber es sei wichtig, etwas darüber zu wissen, damit solche Verbrechen in Zukunft nicht mehr passieren können.

 

Für die Fachoberschülerinnen und Fachoberschüler waren die Zeitzeugengespräche sehr beeindruckend. Nach den Gesprächen tauschten sie die Informationen und Eindrücke aus, die sie von den unterschiedlichen Zeitzeuginnen erhalten hatten. Der andere Teil unserer Gruppe hatte mit einer etwas älteren Zeitzeugin gesprochen, die im Alter von 10 Jahren in Auschwitz war und aus eigener Erinnerung darüber berichtete. Das Zeitzeugenprojekt hat das Motto: "Fragt uns, wir sind die letzten." Nähere Informationen gibt es unter folgendem Link.

 

Text und Foto: Katja Pohl

 

 

 

 

Text und Bild : Katja Pohl

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Katja Pohl, Lehrkraft
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